Lebendige Vergangenheit

Ein Enkel des Bauherren erzählt

»Umgeben von dunklen Kieferwäldern und unzähligen Waldseen liegt das Schloss in der malerischen uckermärkischen Hügellandschaft. Seit alters her steht der See als Pate für die Örtlichkeit, die er an einer Seite mit dem Schloss teilt. Von der ein wenig erhöhten Warte des Schlossbergs öffnet sich der Blick nach Osten und man sieht hinüber auf die ehemaligen Wirtschaftsgebäude des Gutes. Auf der westlichen Seite setzt sich die Sichtachse fort. Sie bietet an lauen Sommerabenden von der Terrasse das Schauspiel grandioser Sonnenuntergänge hinter den Wipfeln uralter Buchen des umgebenen Parks, der nach Peter Joseph Lenné, einem preußischen Gartenkünstler benannt ist, der seine Ideen zur Gestaltung des Parks eingebracht hat.

Die Schönheit dieses Fleckchens Erde hat sicherlich unseren Großvater, Albert Graf von Schlipenbach, stark beeinflusst, als er seiner geliebten Braut Emma Gräfin von Plessen aus Sierhagen (Schleswig-Holstein) ein prächtiges repräsentatives Heim schuf. Das Unternehmen forderte vom Grafen enorme Anstrengungen finanzieller Art. Ob und wie weit die Mitgift der Braut in nicht unbedeutender Höhe dabei eine Rolle spielte, dürfte im Bereich der Spekulationen liegen (und sollte am besten – weil heute unerheblich – auch dort verbleiben). So oder so hatte Graf Albert neben dem Schloss noch weitere Bauobjekte in der Planung. Er war von seiner Herkunft zu außergewöhnlicher Tüchtigkeit und Erfolg quasi verdammt. Geboren im Gutshaus in Arendsee erlebte er die Kinderjahre im Kreis von 18 Geschwistern. Es ist daher durchaus vorstellbar, dass er früh lernen musste sich durchzusetzen.

Etwa 500 Meter weiter in nordwestlicher Richtung vom Schloss legte Graf Albert eine Gärtnerei von damals ungewöhnlicher Größe und Ausrichtung an. Sein Ziel, das er auch tatsächlich erreichte, war neben der Erzeugung von erlesenem Tafelobst aus heimischen Obstsorten die Zucht von Südfrüchten. Hierzu baute er sogenannte Warmhäuser in riesigen Ausmaßen. Ihre Südwand war eine einzige Glasfront. Die Beheizung schluckte mit Sicherheit große Mengen Brennholz. Dennoch gelang es neben Orangen und Zitronen auch Ananas und Weintrauben zu züchten. So kam es, dass wöchentlich vierspännig, jedoch auf grottenschlechten Wegen, die als einziges Fahrzeug gut gefederte gräfliche Kutsche mit der gegen Stöße empfindlichen Fracht unendlich langsam zur Bahnstation nach Prenzlau rumpelte, von wo aus die Köstlichkeiten an die kaiserliche Tafel nach Berlin gingen.

Erwähnenswert ist noch die Wasserversorgung des Hauses. Es gab ja noch keine Pump- oder Drucksysteme heutigen Zuschnitts und keine Elektrizität. Man behalf sich daher auf geniale, aber fragwürdige Art: Auf der Kuppe eines aufgeschütteten Hügels platzierte man ein Bassin, von dem durch Falldruck das Wasser in die Küche im Souterrain rann. Von da wurde es mit Hilfe von reichlich Personal überall dorthin geschafft, wo man es benötigte. Am Fuße des Hügels stand ein Pumphaus, von dem eine Saugleitung in den See führte. Mit einer Handpumpe und reiner Muskelkraft wurde das Bassin mit Wasser gefüllt. Endlose Knochenarbeit am Pumpschwengel – heute kaum vorstellbar!

Das Schloss dokumentiert zusammen mit den anderen erhaltenen Teilen der Gutsanlage die Blütezeit, die Arendsee unter Graf Albert erlebte. Er verpflichtete in vielen Bereichen seiner umfangreichen Bautätigkeit namhafte Künstler seiner Zeit. Man kann sagen, dass dem Grafen sehr daran gelegen war, das Schloss zu einem Ort regen gesellschaftlichen Lebens und geistigen Austausches zu machen. Trotz allem gibt es Anzeichen dafür, dass das Bauvorhaben letztendlich auch aus Geldnot vorzeitig beendet wurde. Die sehr eigenwillige Dachkonstruktion etwa scheint darauf hinzuweisen, dass es eben nicht mehr zu einem Spitzdach herkömmlicher Art gereicht hat. Stattdessen entstand das flache sich nach innen neigende Dach mit riesiger Regenrinne und abenteuerlichen Fallrohren an der Außenfassade! In der Verlängerung der Längsachse vom Turm aus südlicher Richtung war offensichtlich ein Wintergarten vorgesehen. Es gibt noch eine verblasst Ansicht, auf der man so etwas an Fragmenten zu erkennen glaubt.« (…)

Im April 1945 musste die Familie Schlippenbach vor der herannahenden Roten Armee nach Westen fliehen. Das Schloss wurde enteignet. Es diente nach dem Krieg zunächst als Unterkunft für Obdachlose und später zu DDR-Zeiten als Schule. In dieser Zeit entstanden hässliche Anbauten aus Beton. Der 30 Meter hohe Turm wurde kurz nach dem Krieg abgebrochen und diente als Materialspender für diverse Einfamilienhäuser in Arendsee. Der Schulbetrieb wurde auch nach der Wende bis 2004 weitergeführt. Im Anschluss wurde das Schloss zum Verkauf angeboten und im Jahr 2007 von der Familie Hans Kleissl erworben.

Biografie Graf Albert von Schlippenbach

Dieser Text entstand unter freundlicher Mitwirkung des Grafen Christoph von Schlippenbach, der seine Jugendzeit noch im Schloss erleben durfte. Er unterhält zu dem heutigen Eigentümer Hans Kleissl eine freundschaftliche Beziehung und verfolgt mit Rat und Tat die Sanierungsarbeiten.

Als vierter Sohn und sechstes Kind wurde Albert im Gutshaus in Arendsee geboren und wuchs unter siebzehn Geschwistern heran, um schließlich das Friedrich-Werdersche Gymnasium in Berlin zu besuchen. Es folgte ab 1819 das Jurastudium und die Mitgliedschaft im Corps Curonia in Göttingen. Der junge Graf genoss das Studentenleben und begegnete bedeutenden Persönlichkeiten. Schließlich entdeckte er auch sein dichterisches Talent. So entstanden die Texte zu „Ein Heller und ein Batzen“ und „Nun leb wohl, du kleine Gasse“ – die dann von Franz Theodor Kugler bzw. von Friedrich Schiller vertont wurden. Beide Lieder, vor allem das erste, sind heute durchaus noch gebräuchlich, das heißt, sie werden manchmal noch von Studenten im Kommers oder von Soldaten beim Marschieren gesungen. In Berlin beendete Albert sein Jurastudium und nahm seine erste Tätigkeit als Referendar auf. Hier begann auch seine Freundschaft mit Adalbert von Chamisso. Diese Zeit endete 1830 mit dem Tod seines Vaters.

Graf Albert war nicht nur gottesfürchtig und bienenfleißig, sondern eben auch Mensch. So war er in späteren Jahren meistens nach dem morgendlichen Ausritt zu bequem, sein alt gedientes, treue Pferd, nachdem es ihn bis zum Fuß der Freitreppe vor dem Schloss getragen hatte, zum Pferdestall in der Gärtnerei zu bringen. Nein, er stieg ab und gab seinem Schimmel einen Klaps auf den Hintern und schickte ihn alleine nach Hause. Es ging immer gut. Das Pferd kam gemächlichen Schritts – hier und da am Wegrand ein Gräslein zupfend – regelmäßig am Stall an, wo es routinemäßig und ohne geringste Verwunderung in Empfang genommen wurde.

Am 16.09.1838 fand die Hochzeit mit Emma von Scheel-Plessen in Sierhagen, Schleswig-Holstein, statt. Es war auch das Jahr des Baubeginns für das Schloss. Der Architekt war kein Geringerer als der bekannte Friedrich August Stüler. Herr von Arnim, Kröchlendorff, sagte mal, man sei bei den Ausschachtungen für das Fundament auf sehr alte Reste eines Vorgängerbaus gestoßen, habe sich aber nicht weiter darum gekümmert.

Fest steht lediglich, dass Arendsee im Mittelalter zunächst bewohnt war, dann aber wüst geworden ist. Davon zeugt auch die Ruine der Feldsteinkirche im Ort. Sie war schon wüst, als die Familie Schlippenbach von Schweden kommend 1688 den Sitz Schönermark käuflich erwarb und erst 1734 durch Hofmarschall Ernst von Schlippenbach das Arendseer Vorwerk zum Wohnsitz ausbaute.
In den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts kam es zu dem überreichen Kindersegen in Arendsee und dem, was weiter oben schon beschrieben ist.

Der als repräsentatives Herrenhaus konzipierte Neubau erhielt seinen Standort bewusst vom Wirtschaftshof entfernt und leicht erhöht westlich vom Haussee. Man wählte ein pittoreskes Gebäude im Stil der englischen „Castle-Gothic“ mit hohem Turm. Der stattliche rote Sichtziegelbau erhebt sich in zweieinhalb Geschossen über einem rechteckigen, durch Vorsprünge in den Längsfronten und verschiedene Anbauten aufgelockerten Grundriss. Den oberen Abschluss bildet eine als Zinnenkranz gestaltete Attika, die das flach nach innen geneigte Dach vollständig verdeckt. Die Fassaden sind weitgehend einheitlich gegliedert. Bestimmend für sie sind im Erdgeschoss hochrechteckige Sprossenfenster mit flachen Bögen als obere Überdachung, bzw. im Obergeschoss gerade schließende Fenster mit charakteristisch winkelförmig geknickten Verdachungen. Hinzu kommen Geschoss teilende Gesimse und getreppte Ziegelfriese entlang der Attikazone.

Die Ecken des Gebäudes werden durch schlanke polygonale Pfeiler betont, die oben über die Attika hinausreichen. Drei verschieden gestaltete Türme erhöhten ursprünglich den malerischen Eindruck. Der zur Parkseite hin, am südlichen Gebäudeteil angebrachte dreigeschossige Turm, hatte eine Wendeltreppe im Innern und diente hauptsächlich als Aufgang für das Gesinde. An der Nordostecke überragte ein bastionsartig hervortretender, wuchtiger Polygonalturm den Hauptbau nur wenig mit Zinnen artiger Balustrade. Der auf quadratischem Grundriss ausgeführte dritte Turm an der südlichen Schmalseite wurde 1946 bis auf die Grundmauern abgerissen. Mit seiner beachtlichen Höhe von über 30 Metern und der an mittelalterliche Wehrarchitektur erinnernden Gestalt, beherrschte er früher das Erscheinungsbild der gesamten Anlage.

Von der Parkseite her ist der Haupteingang zentral in einem über zwei Geschosse reichenden „Risalit“ (Vorsprung) mit eingestellten Säulchen angeordnet und wird von aufwendigem Terrakotta-Schmuck (Friese, Ornamente, figürliche Reliefs, Wappen) repräsentativ gerahmt. An der zum See gerichteten östlichen Seite sind die Mittelachsen des Eingangs durch flankierende Wandpfeiler hervorgehoben. Den Eingang dort erreicht man über einen ehemals als Wintergarten gedachten Vorbau mit breiter Freitreppe und säulengestütztem Dach.

Das Schloss dokumentiert zusammen mit den anderen erhaltenen Teilen der Gutsanlage die Blütezeit, die Arendsee ab 1838 unter Albert Graf von Schlippenbach erlebte. Er verpflichtete für die Planung seiner umfangreichen Bauvorhaben namhafte Künstler seiner Zeit. Er selbst unterhielt freundschaftliche Kontakte zu bedeutenden Persönlichkeiten des zeitgenössischen Kunst- und Kulturlebens, so u. a. zu Adalbert von Chamisso, der zeitweise in Arendsee zu Besuch war, vor allem, als er in späten Jahren Trost und Beistand in persönlichem Unglück suchte. Eine steinerne Bank am Fuß einer Buche wurde bis in jüngster Zeit als die „Chamisso-Bank“ bezeichnet. Doch auch sie hat die DDR-Zeit nicht überstanden.

Graf Albert war daran gelegen, seinen Wohnsitz über die ursprüngliche Funktion hinaus zu einem Ort regen gesellschaftlichen Lebens und geistigen Austauschs zu machen. Die Neugestaltung der Gutsanlage sollte dafür den entsprechenden Rahmen schaffen. Erste Entwürfe für ein doppelt so großes Herrenhaus mussten allerdings aus Kostengründen auf die Hälfte des Bauvorhabens beschränkt werden.

Mit der Planung für den Neubau hatte Graf Albert den Berliner Hofbaurat Friedrich August Stüler betraut, der damals bereits das nur wenige Kilometer südlich gelegene Schloss Boitzenburg für die Familie von Arnim zeitgemäß umgestaltete und sich danach durch weitere Herrenhaus-Projekte hervortat. Wie bei diesem wählte Stüler auch für Arendsee den Stil der englischen Neugotik. Als Vorbild diente ihm vor allem das 1834/35 nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel entstandene Schloss Babelsberg, dessen Formensprache er aber in eigenständiger Weise variierte.

Darüber hinaus bezog er sich auch auf Schinkels Berliner Bauakademie. Kennzeichnend dafür sind etwa die kubischen Grundformen des Baukörpers und das sichtbar belassene Ziegelmauerwerk, sowie die Betonung der Gebäudeöffnungen durch Terrakotta-Dekor oder die nachbogigen Stürze der Erdgeschossfenster. Insgesamt schuf Stüler in Arendsee ein Bauwerk von damals großer Modernität, dem unter den märkischen Herrenhäusern jener Zeit eine herausragende Bedeutung zukommt. Es gehört zu den vergleichsweise wenigen Beispielen, die Stülers Tätigkeit für private Auftraggeber dokumentieren und die maßgeblich auf die weitere Entwicklung des Herrenhausbaus in Brandenburg-Preußen einwirkten.

Das Schloss spiegelt in seiner pseudomittelalterlichen Architektur nicht nur die damals gängige Auffassung der Romantik, sondern dies ebenso in seinem Standort, den man bewusst abseits der sonstigen Gutsfunktionen an einer Stelle wählte, die wohl zu Recht eine historische Bedeutung hat. Ganz im Sinne des Zeitgeistes wurde es in einen weitläufigen Landschaftspark eingebettet, so dass es mit seinen asymmetrisch-vielgestaltigen Bauformen und der lebhaften Silhouette das Naturerleben des Betrachters ganz wesentlich beeinflussen konnte. Sehr bitter erweist sich der Verlust des hohen Hauptturms, durch dessen Fehlen das Erscheinungsbild des Schlosses heute in hohem Maß beeinträchtigt ist.

Im Inneren des Schlosses blieben nur Teile der ursprünglichen Grundrisslösung erhalten. Die mittleren Räume des Erdgeschosses lassen trotzdem auch heute noch die Großzügigkeit vergangener Tage erkennen. Dies gilt besonders für die hinter dem Hauptportal liegende Eingangshalle und den anschließenden Gartensaal, sowie das Esszimmer mit der schönen Kassettendecke.
Die Eingangshalle war übrigens in strengen Wintern und bei Ostwindlagen der Raum, in dem sich notgedrungen der Familienalltag abspielte, weil er im Gegensatz zu den zumeist auf der Ostseite liegenden Wohn- und Schlafräumen als einziger warm zu bekommen war. Unter Umständen konnte nämlich der Wettstreit der großen Fensterflächen auf der Ostseite mit den durchaus nicht unterdimensionierten Kachelöfen zu Ungunsten letzterer ausgehen.